La fange du macadam

Der Pariser Boulevard war die Architektur, innerhalb derer die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft ihren strahlendsten Ausdruck gefunden haben. Die industrielle Revolution, die Entdeckung der Mehrwertproduktion durch Ausbeutung, sowie die daraus resultierende Proletarisierung machten in den 1850er und 60er Jahren eine Umwälzung des Stadtbildes von Paris notwendig. In der ehemals dunklen, verwinkelten und mystischen Stadt fand die fortschreitende kapitalistische Produktionsweise nicht die hinreichenden architektonischen Bedingungen zu ihrer Blüte. Erst die gewaltsame Sprengung der mittelalterlichen traditionellen Viertel im Zuge der stadtplanerischen Maßnahmen des Pariser Präfekten Georges-Eugène Haussmann ermöglichte das passende Terrain für die umfassende Warenzirkulation: der Bau gerader, ebener und weiter Straßen, auf welchen der Verkehr mühelos von einem Ende der Stadt zum anderen fließen konnte, die Kutschen ihre Höchstgeschwindigkeit erreichen und Fußgänger als Konsumenten einen souveränen Schritt einüben konnten. Straßen, die durch ihre Breite nicht zuletzt den spontanen Bau von Barrikaden der Arbeiteraufstände verhindern sollten. In seinem Gedicht Les Yeux des pauvres (1862) beschreibt Charles Baudelaire eine Szene, die den antagonistischen Charakter dieser Stadtarchitektur darstellt und zu einer Schlüsselerfahrung modernen Großstadtlebens schlechthin zählt. Ein Liebespaar trifft sich in einem neu eröffneten Café, von Gaslicht erhellt, dekoriert mit überwältigenden Spiegeln, Stuck und goldenen Zierden. Während sich das Paar sehnsüchtig verliebt in die Augen schaut, gesellen sich zu ihm plötzlich noch ganz andere Augen: eine Bettlerfamilie hat vor dem Schaufenster des Cafés halt gemacht – ein graubärtiger in Lumpen gekleideter Herr mit seinem Sohn an der Hand und einem Kleinkind im Arm, – und bestaunt resigniert das prächtige Interieur. Der Erzähler, ein mitfühlender Humanist, hat Gewissensbisse – seine Geliebte, gnadenlos reaktionär, lässt nach dem Eigentümer des Lokals fragen, um die Familie entfernen zu lassen, die einen schönen Ausblick auf den eben errichteten Boulevard verhindert. Das bürgerliche Paar sieht sich dem wiedergekehrten Verdrängten vollkommen ausgeliefert, die Liebe wird zum Ort eines gesellschaftlichen Antagonismus und der Boulevard zu seinem Schauplatz. — Seit Baudelaires historischem Augenblick hat sich die Geschwindigkeit auf den Straßen der Großstädte ins unermessliche gesteigert, und die Ausstellung La fange du macadam hat in dieser Turbulenz ihren Antrieb gefunden. Ihr Ort ist nicht unmittelbar der Boulevard, es hat sie an einen Nebenschauplatz verschlagen, dem sie ein letztes mal zuwinkt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sa | 25.07.2020 - So | 26.07.2020 Josephspitalstraße 12, 80331 München